Bereits heute sind das Internet und Handys wichtige Kommunikationsmittel für Demokratiebewegungen weltweit. Jetzt fehlt noch die richtige Technologie, um zentrale Zugangskontrollen und Zensur effektiv zu umgehen. Mit Smartphones und neuen Breitband-Mobilfunknetzen steht nun die Grundlage dafür bereit.
Internet, Demokratie und die Zensur an zentraler Stelle
Digitale Technologie und insbesondere das Internet entwickeln sich in vielen Weltregionen zu Werkzeugen der Freiheit. Über die Rolle von Mobiltelefonen und Web-Diensten wie Twitter bei den Unruhen rund um die Wahl im Iran im letzten Jahr wurde viel berichtet. Aber selbst in Nordkorea, einem der isoliertesten Länder der Welt, dienen geschmuggelte Handys als Kommunikationskanal in den demokratischen Süden, da man mit ihnen über die Grenze nach China telefonieren kann.
Das Hauptproblem für freie Kommunikation im Internet ist, dass heute immer an mindestens einer Stelle zentral organisierte Bestandteile der Netz-Infrastruktur genutzt werden müssen. Das können eine Hauptleitung, ein großer Mobilfunkbetreiber oder auch ein zentraler Zugangsrechner (ein so genannter Proxy) sein, mit dem der Datenstrom zwischengespeichert und gefiltert werden kann.
Diese zentralen Bestandteile der Informations-Infrastruktur lassen sich von einem repressiven Regime relativ leicht kontrollieren. Gerade jetzt hat es die Suchmaschine Google getroffen, die sich nun aus China zurückzieht, weil sie sich der Forderung der chinesischen Regierung nach Selbstzensur nicht länger beugen will.
Demokratie-Export per Internet und der aktuelle Stand der Technik
Die US-Außenministerin Hillary Clinton hat kürzlich in einer Rede „Remarks on Internet Freedom“ das Interesse der US-Regierung bekundet, über das Internet politische Reformen in repressiven Staaten voranzutreiben. Hierzu sollen unter anderem Initiativen und Technologien gefördert werden, mit deren Hilfe man Internet-Zensur umgehen kann.
Ethan Zuckerman nimmt dies zum Anlass und beschreibt in seinem sehr informativen Artikel den Stand der Technik und der politischen Maßnahmen zur Umgehung von Internet-Zensur. Er kommt zu dem Schluss, dass viele der heutigen technischen Lösungen nicht geeignet sind, um gerade in großen Staaten wie China oder dem Iran allen Menschen einen uneingeschränkten Zugang zum Internet zu ermöglichen. Dies liege vor allem daran, dass sie alle darauf beruhten, die Zugriffe zum Beispiel aus China über außerhalb des Landes stehende Rechner umzuleiten. Diese Proxys sind wiederum zentrale Knoten im Netz. Das ist mit einigen Problemen behaftet und hat einen nachhaltigen Betrieb im großen Stil bislang stark behindert. Erstens stellen sie zentrale Angriffspunkte zur Filterung dar. Zweitens wären sie alleine wegen der Datenmenge sehr teuer im Betrieb, wenn darüber eine Milliarde Chinesen Videos auf YouTube schauen wollten. Und drittens können sie nicht nur für den gedachten Zweck der Zensur-Umgehung genutzt werden, sondern auch von E-Mail-Spammern, zum Porno-Konsum oder von Jugendlichen, deren Schule den Zugriff auf YouTube vom Schulrechner aus verbietet.
Kurzum: Die heutige Organisation des Internets um zentrale Knotenpunkte und Datenleitungen herum stellt ein wesentliches Problem bei einer Nutzung für freiheitliche Zwecke in totalitären Staaten dar. Zuckerman schlägt deshalb vor, nicht nur auf technische Systeme zur Umgehung von Zensur zu setzen, sondern diese verstärkt auch durch politische Maßnahmen zu begleiten.
Zurück zu den Wurzeln und dennoch weit nach vorne mit Mobiltechnologie
Wenn jedoch zentrale Organisation Kern des Problems ist, dann lasst uns doch das Internet wieder mehr dezentral organisieren. Lasst uns das Internet wieder näher an seine organisatorischen Wurzeln als Netz von gleichrangigen Knoten (Peers) heranführen. Die zunehmende Verbreitung von kabellosen Breitbandnetzen (UMTS, WLAN/WiFi, etc.), die leistungsstarke Rechner (Smartphones) direkt miteinander verbinden könnten, macht dies möglich. Bald könnte man mit den oben erwähnten Handys in Nordkorea nicht nur Telefonate, sondern auch Internet-Daten über die Grenze hinweg mit dem Rest der Welt austauschen.
Wenn es der amerikanischen Regierung ernst ist, sollte sie die Entwicklung von Peer-to-peer-Technologien fördern, mit denen sich ein dezentral organisiertes Netzwerk aufbauen lässt, dessen Datenströme nicht auf zentrale Infrastrukturelemente angewiesen sind. Wenn die Datenroute ins freie Internet über jedes verfügbare mobile Endgerät führen könnte, dann wird es praktisch unmöglich, den Zugang zum freien Internet zu kappen.
Ein drahtloses, dezentral organisiertes Peer-to-peer-Netzwerk beruht mindestens auf folgenden drei Prinzipien:
- Handys können drahtlos direkt miteinander kommunizieren. Also von Handy zu Handy und nicht nur etwa über einen WLAN-Router oder den UMTS-Sendemast.
- Handys leiten Datenpakete, die für andere Empfänger bestimmt sind, weiter. Sie senden und empfangen also nicht nur diejenigen Pakete, deren erster Absender oder letzter Empfänger sie sind.
- Es gibt einen dezentral funktionierenden Routing-Algorithmus, der die Datenpakete in einem sich ständig verändernden Netz effizient auf Basis von (1) und (2) ans Ziel bringt.
Diese drei Prinzipien sind eng angelehnt daran, wie das Internet heute im nicht-mobilen Bereich, also mit stationären, verkabelten Rechnern funktioniert und sollten sich deshalb grundsätzlich für drahtlose Übertragungstechnologien adaptieren lassen.
Die Abbildung zeigt, wie das aussehen könnte (Beschreibung unten):

Nehmen wir an, der Nutzer des blauen Handys lebt in Kontrollistan, wo das Regime die Nutzung des Internets reglementiert. Er kann heute (linke Seite) schon prima mit seinen Verwandten E-Mails innerhalb des Landes über gutes Wetter austauschen. Er kann auch sein Rezepte-Blog auf Server 1 veröffentlichen. Und er informiert sich auch jeden Tag auf Server 2 im Internet über das Wetter in Hamburg, denn dort lebt seine Schwester. Sobald er jedoch auf Server 1 ein regimekritisches Rezept für seine Dissidenten-Freunde veröffentlichen möchte, wird sein und deren Zugang zum Server blockiert. Und wenn er das Wetter im verfeindeten Washington abrufen will, so verwehrt man ihm den Zugriff zum freien Internet.
Gäbe es eine Technologie, welche die zentrale Netz-Infrastruktur umgeht, indem die Daten über mehrere mobile Endgeräte geleitet werden (rechte Seite der Abbildung), so könnte die Regierung von Kontrollistan den Zugriff auf die Server 1 und 2 nicht mehr unterdrücken. Das regimekritische Rezept könnte veröffentlicht werden. Und das Wetter in Washington bliebe für die Bewohner Kontrollistans kein Geheimnis mehr, sofern auf beiden Seiten der Grenze Handys existieren, die direkt miteinander Daten austauschen können.
Der Regierung bliebe nur das Totalverbot von Handys, was zum sofortigen Volksaufstand führen würde, falls die Kontrollistanis ihre Handys auch nur halb soviel lieben wie der Rest der Welt.
Für eine erfolgreiche Realisierung der hier skizzierten Lösung müssen noch einige Klippen aus der heute vorherrschend zentralistisch organisierten Mobilfunk-Welt umschifft werden. Und eine um ein dezentrales Element ergänzte Mobilfunk-Infrastruktur böte auch für normale, nicht-politische Anwendungen interessante Vorteile. Darüber vielleicht mehr in einem späteren Blog-Eintrag oder möglicherweise auch schon hier in den Kommentaren.