Digitalisierung und Effizienz – Grosser Spaß zum kleinen Preis

Die Digitalisierung und mit ihr die Vernetzung der Welt lassen Ideen, Kultur und Innovation eine völlig neue Tragweite zukommen. In den früheren Blog-Einträgen (z. B. hier und hier) wird beschrieben, wie dadurch neuer Wert geschaffen wird, von dem wir alle profitieren, mit dem aber niemand rechnet.

In der vernetzten Welt entsteht aber natürlich nicht nur dieser „neue“ Wert auf sehr effiziente Weise. Auch „alter“ Wert, also Leistungen die es schon immer gab, werden durch die Digitalisierung wesentlich effizienter erbracht.

Sehr plastisch zeigt das die Musikindustrie. Innerhalb weniger Jahre sind dort ganze Stufen in der Wertschöpfungskette einfach weggefallen, ohne dass das unseren Musikgenuss geschmälert hätte.

Früher brauchte man auf dem Weg von den Musikern (Komponisten, Sänger, usw.) bis zum Hörer noch Produzenten, Musikverlage, CD-Rohling-Hersteller, CD-Presswerke, CD-Transportlogistik, CD-Großhandel und den CD-Einzelhandel. Es ist leicht vorstellbar, wie viele Menschen, Stahl, Erdöl, Maschinen, LKW, Quadratmeter-Regalfläche nötig waren, um all diese Schritte zu durchlaufen. Und das alles nur, um ein aufgezeichnetes Musikstück zum Konsumenten zu bringen.

Das fällt heute dank digitaler Aufnahme  und MP3-Download alles weg. Und trotzdem kommt am Ende die Musik bei unseren Ohren an. Und zwar in einer Vielfalt und mit einer Einfachheit, die heute niemand mehr missen möchte. (Wer will schon zum Walkman mit all seinen Beschränkungen zurück? In England hat das gerade ein 13-Jähriger ausprobiert – sein Urteil über die Usability des Walkman liest sich ziemlich eindeutig.)

Insgesamt also viel weniger Ressourcenverbrauch, damit auch weniger gemessene Wirtschaftsleistung (BIP), aber am Ende mindestens das gleiche Ergebnis, nämlich: Musik hören.

Am Beispiel von Michael Jackson hat Umair Haque kürzlich vorgerechnet, dass gigantische Summen in diesem Riesensystem der Musikindustrie so versandet sein müssen, dass die Künstler letztlich nur wenig von ihrer Arbeit hatten. Laut Presseberichten hat der „King of Pop“ seit Anfang der 80er-Jahre etwa 300 Millionen US-Dollar an Tantiemen aus dem Verkauf seiner Tonträger erhalten. Über einen Zeitraum von 25 Jahren, so rechnet Haque vor, macht das gerade einmal 12 Millionen Dollar pro Jahr – für den größten Künstler der 80er und 90er Jahre wohlgemerkt. Haque fragt zu Recht, wo denn die restlichen Milliarden aus dem Verkauf von CDs und Schallplatten geblieben seien. Und wie war das für all die Musiker, die keinen Megastar-Status hatten?

Ähnliches geschieht in anderen Branchen.

Digitalfotografie – wer möchte schon heute noch ein Fotolabor betreiben?

Oder im Journalismus. Der digitale Vertrieb journalistischer Erzeugnisse macht so viele Produktionsstufen überflüssig. Man kann sich leicht vorstellen, was alles passieren muss, um einen in Finnland getöteten Baum zu Papier zu verarbeiten, das dann bedruckt als Zeitung zum Leser in Deutschland kommt und schließlich wieder als Altpapier entsorgt werden muss. Wieder: Arbeitskraft, Stahl, Erdöl, Chemie … Auch hier hat man mit wesentlich weniger Ressourcenverbrauch in der digitalen Welt am Ende das gleiche Ergebnis: Ein Journalist schreibt seine Gedanken auf, und jemand anderes liest sie. Viel weniger Input, aber der gleiche Output.

Im Grundsatz ist das alles nicht wirklich neu. Schon immer haben Innovationen zu mehr Effizienz geführt: Rad, Dampfmaschine, Fließband, Container-Logistik, etc. Auch diese Innovationen haben isoliert betrachtet zu einem Rückgang der Wirtschaftsleistung geführt. Gleichzeitig wurden sie aber auch immer dazu genutzt, um immer mehr Output zu generieren, so dass sich im Saldo ein Wirtschaftswachstum ergab.

Es gibt heute mindestens einen wesentlichen Unterschied.

Viele Innovationen der Vergangenheit bezogen sich auf die materielle Welt. Sie führten meist dazu, dass Arbeit effizienter als bisher ausgeführt werden konnte. Viele Neuerungen ließen uns immer größere Mengen natürlicher Ressourcen in immer mehr Produkte umwandeln. Die Stückkosten, also die Kosten pro Einheit eines Produkts, fielen. Aber eben selten auf Null. Und hier kommt die digitale Innovation den entscheidenden Schritt weiter. Viele Neuerungen der letzten Jahre lassen die Stückkosten – insbesondere im Vertrieb – auf praktisch Null sinken. Bei den oben erwähnten Beispielen – Musik, Foto, Journalismus – belassen wir im Kern immaterielle Produkte auch für den Vertrieb immateriell. Einmal hergestellt, lässt sich das Produkt unendlich oft ohne zusätzlichen Ressourcenverbrauch beliebig oft nutzen. Jede zusätzlich genutzte Einheit dieser Güter erfüllt weiterhin wie bisher ihren Zweck, ohne aber gleichzeitig auch jedes Mal die gemessene Wirtschaftsleistung als BIP-Steigerung zu erhöhen.

Für die Ökonomen alter Schule klingt das furchtbar. Angesichts der ökologischen Probleme, vor denen die Menschheit steht, ist das aber eine hervorragende Nachricht: Gleicher Spaß und besseres Klima.

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