In seinem Kommentar zum vorigen Blog-Eintrag bringt Martin auf den Punkt, worum es in diesem Blog geht.
Martin schreibt zunächst:
„Der ‚Wert’ von Wikipedia entsteht doch im Grunde daraus, dass Menschen in ihrer Freizeit etwas tun, was für die Gesellschaft insgesamt vorteilhaft ist, nämlich ihr Wissen niederschreiben. Wenn sich jemand in seiner Freizeit sozial engagiert, etwa bei der freiwilligen Feuerwehr oder in einer Beratungsstelle für Suchtkranke, wird vermutlich auch kein Wert geschaffen, der im BIP erfasst ist.“
Hinzu kommt noch der riesige Bereich häuslicher Arbeiten. Über dessen angemessene Anerkennung wird auch seit vielen Jahren diskutiert. Auch hier gilt das Paradoxon: Wenn jemand ein Familienmitglied pflegt, so schafft er damit keinen gemessenen Wert. Sobald die gleiche Dienstleistung familien-extern bei einem Pflegedienst eingekauft wird, entsteht ein „Wert“ im Sinne des BIP. Das gleiche gilt für Kindererziehung und alle ähnlich gelagerten, für das Funktionieren unserer Gesellschaft unverzichtbaren Leistungen.
Diese „Schattenleistungen“ werden von der Gesellschaft einfach erwartet und als selbstverständlich hingenommen. Sie haben sich seit Jahrhunderten eingespielt und sind sozusagen „eingepreist“. Wir würden sie sehr vermissen, wenn es sie nicht gäbe.
Bislang waren diese unentgeltlichen Leistungen auf einen eher lokal begrenzten Anwendungsbereich, also eine Familie oder ein Dorf bzw. einen Stadtteil beschränkt. Außerdem ging es fast immer um Tätigkeiten, die einen mehr oder weniger starken Bezug zur physischen Welt haben. Und das Wichtigste: Die meisten dieser Leistungen sind nicht skalierbar. Je mehr Nutzen man stiften will, desto mehr Arbeit muss man aufbringen, mit umso mehr Menschen muss man Zeit verbringen.
Durch die digitale Vernetzung der Welt haben wir es jetzt aber mit einer völlig neuen Dimension dieser unentgeltlichen, gemeinnützigen Leistungen zu tun.
Martin schreibt dazu weiter in seinem Kommentar:
„Der Unterschied bei Wikipedia ist, dass unglaublich viele Menschen sich beteiligen und dass der geschaffene Wert von der ganzen Welt dauerhaft genutzt werden kann.“
Und genau das ist es. Die Digitalisierung entfesselt ein bislang ungenutztes Potenzial an menschlicher Schaffenskraft. Natürlich nicht nur bei Wikipedia, sondern bei tausenden von neuen Anwendungen und Kommunikationsmöglichkeiten in der vernetzten Welt.
Dieses Potenzial ist so viel größer als alles, was bisher da war. Unser Handeln bekommt eine völlig neue Tragweite – eben auch im gemeinnützigen Bereich:
- Überall, wo es heute um Ideen, um Wissen, um Kultur geht, sind nahezu alle physischen Beschränkungen der Verbreitung durch die Digitalisierung aufgehoben.
- Der Wirkungsbereich unserer Handlungen wird durch diese Trennung vom Physischen von lokal auf weltweit vergrößert.
- Bald können ALLE Menschen daran mitwirken, weil die Kapazität zu weltweiter (Massen-)Kommunikation nicht mehr in den Händen weniger Verleger oder TV-Sender liegt, sondern jedem mit einem Internet-Anschluss offen steht.
- Die Menschen greifen diese neuen Möglichkeiten begeistert auf und nutzen sie überwiegend dazu, um global miteinander Probleme zu lösen, Spaß zu haben und sich auszutauschen, anstatt gegeneinander zu arbeiten.
Und warum wir dadurch alle sehr viel reicher werden, ohne dass im gleichen Maß woanders jemand ärmer wird, fasst folgendes Zitat von Thomas Jefferson aus dem Jahr 1813 (!) wunderbar – fast magisch – zusammen:
„He who receives an idea from me, receives instruction himself without lessening mine; as he who lights his candle at mine, receives light without darkening me.”
(Deutsch: „Wer eine Idee von mir empfängt, mehrt dadurch sein Wissen, ohne meines zu mindern, ebenso wie derjenige, der seine Kerze an meiner entzündet, dadurch Licht empfängt, ohne mich der Dunkelheit auszusetzen.“)
Je mehr Digitalisierung und Globalisierung den Austausch von Ideen, Wissen und Verständnis fördern, desto reicher werden wir alle.
Das Jefferson-Zitat ist mir aufgefallen in einem sehr sehenswerten Video-Vortrag von Alex Tabarrok über Ideen und Wirtschaftskrisen.