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Hangouts on Air: Live-Fernsehen von allen für alle

Google ermöglicht jedem, Live-Fernsehen zu produzieren

Vor einigen Monaten hat Google sein soziales Netzwerk Google+ mit der Funktionalität Hangouts on Air so erweitert, dass jeder Google-Benutzer ein Live-TV-Programm ins Internet ausstrahlen kann. Mit einer Webcam und wenigen Mausklicks kann man live eine globale Zuschauerschaft erreichen.

Der Video-Stream lässt sich auch auf einer beliebigen Website einbetten und findet damit im eigenen “gebrandeten” Umfeld statt. Ein Nutzer kann also zum Beispiel auf seinem eigenen Blog eine tägliche Koch-Show aus der heimischen Küche ausstrahlen.

Eine Aufzeichnung der Sendung wird auf YouTube gespeichert und steht für den späteren Konsum zur Verfügung. So kann das Event unter einer permanenten Adresse erreicht werden und kann zum Beispiel in sozialen Netzwerken viral verbreitet werden.

Die Revolution bleibt noch weitgehend unbemerkt

Es verwundert, dass in der Medienbranche Hangouts on Air bisher weitgehend unbekannt ist und nur sehr wenig über dieses Feature gesprochen wird. Es bringt eine radikale Veränderung der Marktverhältnisse mit sich: Jeder kann jetzt Live-Fernsehen mit einer technischen Reichweite von etwa zwei Milliarden Internet-Nutzern zu Kosten von praktisch Null veranstalten.

Es war eine Sensation, als vor gut vierzig Jahren Elvis’ legendäres Konzert “Aloha from Hawaii” per Satellit übertragen wurde. Noch vor fünf Jahren brauchte man ein Team von zig Experten, zahllose Kooperationen und Genehmigungen und Equipment für eine sechsstellige Summe, um bewegte Bilder einer großen Masse von Zuschauern live zur Verfügung zu stellen. Heute ist jede Hobby-Band in zumindest einer Beziehung so groß wie Elvis: Sie kann mit wenigen Klicks ihre Konzerte global ausstrahlen.

Satellite Dish (Source: Gerard Evison)

Neue Live-Formate werden entstehen

Das auch nur acht Jahre alte YouTube hat globale Stars und Channels mit vielen Millionen Abonnenten hervorgebracht (siehe z. B. YouTube’s Most Subscribed Channels). Unter den dort verfügbaren Millionen von Videos, die die Welt nicht braucht, gibt es doch auch gigantische Mengen von hochwertigem oder zumindest für viele Menschen relevantem Content. Die klassischen Medienanbieter kämpfen nun mit der gigantischen Konkurrenz von täglich vier Milliarden YouTube-Videos um die Aufmerksamkeit der Zuschauer und damit die Gelder der Werbungtreibenden.

Es fällt nicht schwer, sich auszumalen, dass sich tausende kreative Menschen finden werden, die Hangouts on Air für ihren eigenen Live-Kanal nutzen, Millionen Zuschauer finden und auch hier zu Stars aufsteigen werden. User-generated Content setzt mit dem Live-Fernsehen eine der letzten Bastionen der traditionellen Medien unter Druck.

Strategische Einschätzung ist angebracht

Jedes (Medien-)Unternehmen sollte analysieren, welche Auswirkungen die neuen Verhältnisse auf sein Geschäftsmodell haben und welche Risiken sie bergen. Noch interessanter jedoch ist die Frage: Welche Chancen entstehen für meine Marke, wenn ich jetzt günstig und schnell Live-Bilder produzieren und weltweit ausstrahlen kann?

Image source: Gerard Evison on Flickr

Three Essential Articles on the
Power of Networking the World

This blog is about how networking the the world creates new value and ubiquitous opportunities for all.

These three articles provide a perfect introduction into the topic:

Digitalisierung und Effizienz – Grosser Spaß zum kleinen Preis

Die Digitalisierung und mit ihr die Vernetzung der Welt lassen Ideen, Kultur und Innovation eine völlig neue Tragweite zukommen. In den früheren Blog-Einträgen (z. B. hier und hier) wird beschrieben, wie dadurch neuer Wert geschaffen wird, von dem wir alle profitieren, mit dem aber niemand rechnet.

In der vernetzten Welt entsteht aber natürlich nicht nur dieser „neue“ Wert auf sehr effiziente Weise. Auch „alter“ Wert, also Leistungen die es schon immer gab, werden durch die Digitalisierung wesentlich effizienter erbracht.

Sehr plastisch zeigt das die Musikindustrie. Innerhalb weniger Jahre sind dort ganze Stufen in der Wertschöpfungskette einfach weggefallen, ohne dass das unseren Musikgenuss geschmälert hätte.

Früher brauchte man auf dem Weg von den Musikern (Komponisten, Sänger, usw.) bis zum Hörer noch Produzenten, Musikverlage, CD-Rohling-Hersteller, CD-Presswerke, CD-Transportlogistik, CD-Großhandel und den CD-Einzelhandel. Es ist leicht vorstellbar, wie viele Menschen, Stahl, Erdöl, Maschinen, LKW, Quadratmeter-Regalfläche nötig waren, um all diese Schritte zu durchlaufen. Und das alles nur, um ein aufgezeichnetes Musikstück zum Konsumenten zu bringen.

Das fällt heute dank digitaler Aufnahme  und MP3-Download alles weg. Und trotzdem kommt am Ende die Musik bei unseren Ohren an. Und zwar in einer Vielfalt und mit einer Einfachheit, die heute niemand mehr missen möchte. (Wer will schon zum Walkman mit all seinen Beschränkungen zurück? In England hat das gerade ein 13-Jähriger ausprobiert – sein Urteil über die Usability des Walkman liest sich ziemlich eindeutig.)

Insgesamt also viel weniger Ressourcenverbrauch, damit auch weniger gemessene Wirtschaftsleistung (BIP), aber am Ende mindestens das gleiche Ergebnis, nämlich: Musik hören.

Am Beispiel von Michael Jackson hat Umair Haque kürzlich vorgerechnet, dass gigantische Summen in diesem Riesensystem der Musikindustrie so versandet sein müssen, dass die Künstler letztlich nur wenig von ihrer Arbeit hatten. Laut Presseberichten hat der „King of Pop“ seit Anfang der 80er-Jahre etwa 300 Millionen US-Dollar an Tantiemen aus dem Verkauf seiner Tonträger erhalten. Über einen Zeitraum von 25 Jahren, so rechnet Haque vor, macht das gerade einmal 12 Millionen Dollar pro Jahr – für den größten Künstler der 80er und 90er Jahre wohlgemerkt. Haque fragt zu Recht, wo denn die restlichen Milliarden aus dem Verkauf von CDs und Schallplatten geblieben seien. Und wie war das für all die Musiker, die keinen Megastar-Status hatten?

Ähnliches geschieht in anderen Branchen.

Digitalfotografie – wer möchte schon heute noch ein Fotolabor betreiben?

Oder im Journalismus. Der digitale Vertrieb journalistischer Erzeugnisse macht so viele Produktionsstufen überflüssig. Man kann sich leicht vorstellen, was alles passieren muss, um einen in Finnland getöteten Baum zu Papier zu verarbeiten, das dann bedruckt als Zeitung zum Leser in Deutschland kommt und schließlich wieder als Altpapier entsorgt werden muss. Wieder: Arbeitskraft, Stahl, Erdöl, Chemie … Auch hier hat man mit wesentlich weniger Ressourcenverbrauch in der digitalen Welt am Ende das gleiche Ergebnis: Ein Journalist schreibt seine Gedanken auf, und jemand anderes liest sie. Viel weniger Input, aber der gleiche Output.

Im Grundsatz ist das alles nicht wirklich neu. Schon immer haben Innovationen zu mehr Effizienz geführt: Rad, Dampfmaschine, Fließband, Container-Logistik, etc. Auch diese Innovationen haben isoliert betrachtet zu einem Rückgang der Wirtschaftsleistung geführt. Gleichzeitig wurden sie aber auch immer dazu genutzt, um immer mehr Output zu generieren, so dass sich im Saldo ein Wirtschaftswachstum ergab.

Es gibt heute mindestens einen wesentlichen Unterschied.

Viele Innovationen der Vergangenheit bezogen sich auf die materielle Welt. Sie führten meist dazu, dass Arbeit effizienter als bisher ausgeführt werden konnte. Viele Neuerungen ließen uns immer größere Mengen natürlicher Ressourcen in immer mehr Produkte umwandeln. Die Stückkosten, also die Kosten pro Einheit eines Produkts, fielen. Aber eben selten auf Null. Und hier kommt die digitale Innovation den entscheidenden Schritt weiter. Viele Neuerungen der letzten Jahre lassen die Stückkosten – insbesondere im Vertrieb – auf praktisch Null sinken. Bei den oben erwähnten Beispielen – Musik, Foto, Journalismus – belassen wir im Kern immaterielle Produkte auch für den Vertrieb immateriell. Einmal hergestellt, lässt sich das Produkt unendlich oft ohne zusätzlichen Ressourcenverbrauch beliebig oft nutzen. Jede zusätzlich genutzte Einheit dieser Güter erfüllt weiterhin wie bisher ihren Zweck, ohne aber gleichzeitig auch jedes Mal die gemessene Wirtschaftsleistung als BIP-Steigerung zu erhöhen.

Für die Ökonomen alter Schule klingt das furchtbar. Angesichts der ökologischen Probleme, vor denen die Menschheit steht, ist das aber eine hervorragende Nachricht: Gleicher Spaß und besseres Klima.

Alles noch besser: Noch reicher ohne Aufwand

In meinem gestrigen Eintrag habe ich darüber geschrieben, dass mit Wikipedia etwa zwei Milliarden Euro Wert entstanden sind, die nirgends gemessen werden und deshalb im Welt-Bruttoinlandsprodukt nicht erfasst werden.

Bei der Schätzung des Werts habe ich allerdings einen Fehler gemacht. Die zwei Milliarden Euro sind der ungefähre Aufwand, der nötig war, um Wikipedia zu erstellen. Was aber, wenn Wikipedia völlig nutzlos wäre? Dann hätten wir es nicht mit zwei Milliarden zusätzlichem Wert zu tun. Es ginge dann nur um eine gigantische Verschwendung menschlicher Arbeits- und Geisteskraft, die bei sinnvollem Einsatz anderswo vielleicht zwei Milliarden Euro Wert gehabt hätte.

Wurde der Nutzen also drastisch überschätzt?

Das Gegenteil ist der Fall.

Was macht eigentlich den Wert von Wikipedia aus? Klar, Wikipedia ist aktueller als herkömmliche Lexika. Wikipedia ist auch umfassender. Und auch Tests namhafter Institutionen haben dem Online-Lexikon eine gute bis sehr gute Qualität attestiert. Aber diese Vorteile sind nicht die wesentlichen.

Mit Wikipedia haben Milliarden Menschen Zugriff auf das Wissen der Menschheit. Das ist die echte Veränderung, die den Wert von Wikipedia um Größenordnungen über den von herkömmlichen Lexika stellt.

Heute profitiert noch hauptsächlich der globale Norden davon. Aber auch dort nutzen nun Millionen Menschen diese Ressource, die vorher nie ein gedrucktes Lexikon besaßen und denen der Weg in die Bibliothek dann doch zu beschwerlich war, um „nur diese kleine Information“ herauszufinden. Und in den kommenden Jahren wird zunehmend auch die Südhalbkugel Anschluss ans globale Netz finden (siehe z. B. hier oder da). Es werden also viele Millionen Menschen mehr diesen Schatz für eine Verbesserung ihres Lebens und ihrer Zukunft nutzen können.

Bei Wikipedia geht es um Wissen und Ideen, um Bildung und Kultur, also um die Grundlage für jegliche moderne Form von Innovation und Entwicklung. Der Wert der daraus entsteht, dass dies für die gesamte Menschheit zugänglich ist, ist unermesslich. Und deshalb geht es bei Wikipedia um viel mehr als „nur“ um zwei Milliarden Euro.

Die Entwicklung der Weltwirtschaft sieht also noch ein bisschen besser aus: Minus X Prozent BIP PLUS 2 Milliarden PLUS Y mit Y = unermesslich viel.

Reichtum aus dem Nichts – Jetzt auch für alle

Es spielen sich erstaunliche Dinge ab. Wir werden Tag für Tag reicher, ohne dass wir dafür viel tun müssten.

Clay Shirky hat in einem sehr lesenswerten Artikel postuliert, dass in Wikipedia überschlagsmäßig etwa 100 Millionen Stunden menschlicher Denkarbeit stecken. Es kommt hierbei nicht darauf an, ob genau dieser Wert stimmt, exakt dürfte er gar nicht zu messen sein. Auf die Größenordnung kommt es an, und die müsste ungefähr richtig sein.

Wenn man diese 100 Millionen Stunden nur mit je 20 Euro bewertet, so ist in wenigen Jahren ein Wert von rund zwei Milliarden Euro entstanden. Dieser Wert steht nun der gesamten Menschheit praktisch kostenlos zur Verfügung.

Wir bekommen also etwas zusätzlich, ohne dafür bezahlen zu müssen. Das Internet setzt hier völlig neuen Wert frei. Das passiert bei Wikipedia und bei tausenden anderen neuen Anwendungen täglich. Ständig entsteht über diese neuen Formen der vernetzten Zusammenarbeit zusätzlicher Wert.

Aber niemand misst diesen Wert. Er taucht im Welt-Bruttoinlandsprodukt nirgends auf.

Der – wesentlich kleinere – Verlust an nicht verkauften, weil obsolet gewordenen, Brockhaus-Enzyklopädien und Encyclopedia Britannicas wird jedoch gemessen. Und das obwohl beides am Ende genau dem gleichen Zweck dient: Unbekanntes in einem Lexikon nachschlagen.

Der aktuelle Niedergang der Weltwirtschaft ist also nicht ganz so schlimm, wie ständig verkündet wird. Er beträgt „nur“ minus X Prozent PLUS 2 Milliarden Euro Wert von Wikipedia. Das ist doch mal eine gute Nachricht, oder?